Dany Mittendrin _ Ein Au-Pair Jahr im Reich der Mitte

8.816 Kilometer entfernt von zu Hause

13August
2017

We are Family

Ja, der letzte Blogeintrag klang gar nicht mal so positiv. Doch die letzten zwei Tage haben es wieder gutgemacht. Und das, obwohl wir nichts sonderlich interessantes unternommen haben, da die hier alle nicht wirklich Zeit haben und es den ganzen Tag regnet. Aber mittlerweile fühle ich mich hier wirklich angekommen, sowohl in der Familie, also auch in meiner Rolle als große Schwester und Familienmitglied. Wie das so plötzlich passiert ist, weiß ich selbst nicht.

 

Anzeichen dafür, dass du Mitglied einer chinesischen Großfamilie bist:

  • Es stört dich nicht, wenn du dich gerade umziehst, zwei kleine Kinder ohne zu klopfen ins Zimmer stürmen und es stundenlang belagern
  • Du wirst im mit dem Spiel „Der Tiger ist krank, wir müssen das Gift aus seinem Blut holen“ von einer vierjährigen in die Geheimnisse Chinesischer Akupunktur eingewiesen
  • Es stört dich nicht mehr, wenn der Opa beim Essen anfängt, sich zu übergeben, angekautes Zeug in deine Schüssel/ auf den Boden wirft oder mit seinen Stäbchen in deinem Reis rumstochern will
  • Hupgeräusche in der Nacht stören dich auch nicht mehr
  • Generell stört dich rein gar nichts mehr
  • Du redest alle Leute mit Onkel und Tante an
  • Du wirst mit „große Schwester“ angesprochen und auch unter fremden als solche vorgestellt
  • Ein kleines Kind umarmt dich und kuschelt mit dir auf dem Sofa, während du Winx-club auf Chinesisch mit ihr schaust und in Kindheitserinnerungen schwelgst
  • Du wirst um Rat gebeten
  • Du bist die einzige, die es mitbekommt, dass der Alzheimer kranke Opa versucht, sich aus der Wohnung zu schleichen, redest ihm auf Chinesisch gut zu, sich wieder hinzusetzen, er hört auf dich und tätschelt dir die Schulter
  • Die Oma ist genau so „Kind, bist du wirklich schon satt? Komm, iss noch etwas mehr“ mäßig drauf, wie deine eigene und steckt dir ständig Süßigkeiten aus getrockneten Blaubeeren zu
  • Du verstehst etwas, wenn Leute miteinander chinesisch reden
  • Dein Gastkind sagt, sie mag die blonde Trickfilmfigur mit den blauen Augen am meisten, weil sie wie ihre große Schwester aussieht
  • Du hast alle Menschen um dich herum wahnsinnig lieb und findest sie meistens einfach nur süß

 

 

Samstag, 12. August 2017

Morgens versuchen Judy und ich, ihre Hausaufgaben zu erledigen. Nur gefällt ihr das Lesen heute so gar nicht. Sie springt auf meinem Bett rum, äfft nach, was ich sage, beißt und spuckt in mein Kopfkissen, beißt mich in den Rücken und krakelt in ihrem Heft rum. So einen schlimmen Bockanfall hatte ich bisher noch nicht bei ihr erlebt. Vermutlich wollte sie einfach nur ihre Grenzen austesten. Irgendwann, als sie merkt, dass ich wirklich nicht mit ihr spielen werde, wenn sie ihre Aufgaben nicht erledigt, können wir dann nach einer dreiviertel Stunde auch mal mit dem ersten Heft anfangen. Anfangs klappt es gar nicht gut, beim zweiten Heft ist sie recht motiviert, beim dritten hat sie keine Lust mehr und rennt zu ihrer Mama. Als sie feststellt, dass die Mama zu mir hält und ihr gebietet, zu tun, was ich sage (wie ich sie dafür liebe!) ist die Mama erst mal die Böse und wir bekommen die Aufgabe wenigstens halbewegs zu Ende. Dafür darf sie dann auch die Bilder auf der Seite ausmalen. Zum Essen kommen will sie deshalb aber nicht, schmollt in meinem Zimmer, wir lassen sie ausbocken und gehen. Nach einer Weile kommt sie heulend angerannt, weil wir nicht mit dem Essen auf sie gewartet haben. 

 

Nach dem Mittagsschlaf ist sie aber wieder lieb und wir probieren erst mal eine neue Flechttechnik an ihren Haaren aus. Derni muss mit der Oma irgendwo hin, eine neue Pflegerin für den Opa finden, weil die alte meinte, sie wolle diesen Job keinen Tag länger machen.

Deshalb gehen dann ihre Schwester Tingting, Alan, Judy und ich in eine Bäckerei, Kuchen kosten. Ich bekomme eine Art Mangocreme-Kaltschale und Milchtee mit Hokkaidokürbis-Stückchen drin spendiert: ) Außerdem gibt es diese kleinen Portugiesischen Puddingtörtchen, die wir damals aus Lissabon mitbringen wollten. Chinas Sonderprovinz Macao war nämlich ehemals portugiesische Kolonie

Wir bekommen sogar eine halbwegs anständige Konversation auf Englisch zu Stande, Alan erzählt viel über das chinesische Schulsystem und fragt vor allem nicht mehr mein (nicht vorhandenes) Geschichtswissen ab ^^

Zurück zu Hause spielen Judy und ich den Rest des Nachmittags in meinem Zimmer mit einem  kleinen Plüschtiger, dessen größte Leidenschaft Donut und Kuchen essen ist. Sie ist so vertieft in das Spiel, dass sie es nicht mal mitbekommt, dass ihre 6 Monate ältere Cousine in der Tür steht.

Später spielen die beiden zusammen in der „Wolfshöhle“ unter meinem Schreibtisch, ich verstehe sogar manchmal, was sie sagen und versuche, mitzuspielen. Als ich dann aus der Dusche wieder komme, haben die beiden eine super niedliche Zirkusshow für die Familie vorbereitet, in der sie Gedichte, die chinesische Nationalhymne und verschiedene Lieder rezitieren. „Hallo, ich bin Bailing, vier Jahre alt und meine Heimatstadt ist Xuancheng. Heute singe ich >>Frozen<< von Elsa“ Das tut sie auch, in irgendeiner selbst ausgedachten Sprache. Alle sind sehr stolz auf mich, dass sie ja schon den ganzen Text auf Englisch auswendig kennt. Ähm, ja gut ^^ Auf jeden Fall ist das ganze extrem niedlich und ich bin froh, dass ich so eine tolle kleine Schwester habe J Und auch, wenn ich kaum etwas verstehe, fühle ich mich total in diese Familie integriert.

 

Sonntag, 13. August 2017

Auch heute ist Judy nur sehr schwer für ihre Leseübungen zu motivieren, aber nicht so schlimm wie am Vortag. Mit kleinen Spielpausen zwischen jedem Arbeitsblatt kann ich sie ganz gut bei Laune halten und sie akzeptiert sogar meinen Countdown, nach fünf Minuten mit dem nächsten Heft weiter zu machen.

Leider bin ich dafür heute nicht ganz so gut drauf, da die Klimaanlage heute Nacht extrem windig eingestellt war und ich Halsschmerzen habe. Deshalb freue ich mich umso mehr über den Mittagsschlaf. Das Beste passiert aber erst danach: Judy und ihre Cousine spielen total vertieft in ihrem Zimmer und wollen nicht gestört werden, deshalb habe ich zwei Stunden Freizeit und kann mich in mein Zimmer verkrümeln. Manchmal machen einem die kleinsten Dinge echt die größte Freude hier. Und so ein bisschen Freizeit tut extrem gut.

Abends spiele ich dafür auch wieder mit voller Power mit Judy. Die ist echt einfach nur knuffig. Sie findet nämlich alles toll, was ganz klein ist. Vor allem Holzfiguren in Ü-Ei-Figuren Größe. Deshalb hat sie ihrer Cousine eine gekauft und schenken wollen. Als diese die Figur jedoch nicht toll findet und ihr sagt, dass sie das Geschenk behalten kann, bricht Judy in Tränen aus. Sie kann absolut nicht nachvollziehen, dass andere Leute  nicht die Selben Sachen toll finden, wie sie. Schließlich wollte sie ihrer Cousine nur eine Freude machen. Schon süß :3

Abends schauen die beiden Mädels noch Winx-club im Fernsehen. Als die Cousine heim geht und ich den Fernseher ausschalte (3 Folgen sollten ja wirklich genug sein) ist das Geschrei natürlich erst mal groß. Aber nach ein paar Sekunden Ablenkung (Wo ist denn unser kleiner Tiger?) ist Judy mit unserem Spiel beschäftigt. Bis die Oma der Meinung ist, denn Fernsehe wieder anzuschalten. Hm : / irgendwie hatte sie meine Aktion wohl nicht verstanden. Aber man solle ja eine chinesische Oma ja nie hinterfragen …

 

Random Fact: In Xuancheng wird das berühmte chinesische Xuan Papier hergestellt, ein Bambuspapier, welches gern für chinesische Kalligrafie genutzt wird. Japanische Spione versuchten mehrmals, das Rezept zu stehlen und das Papier zu kopieren, aber es gelang ihnen bis heute nur mangelhaft. Die Besonderheit des Papiers ist, dass die Tinte sich leicht und gleichmäßig ausdehnt, aber nicht verläuft, und so ein harmonisches Schriftbild mit weichen Kanten erzeugt.